#81 Franz Angerer: Wer bremst die Energiewende wirklich?

Shownotes

In Folge #81 von Geladen spricht Laura Ertl mit Franz Angerer, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, über die Frage: Wer bremst die Energiewende wirklich?

Denn die Energiewende verschiebt Macht, Märkte und Interessen. Und wo es Gewinner:innen gibt, da gibt es auch diejenigen, die verlieren und ein Interesse daran haben, Veränderungen zu verzögern oder aufzuhalten. Warum dieser Widerstand für uns oft unsichtbar bleibt und weshalb wir uns in der Debatte häufig auf die falschen Themen konzentrieren, steht in dieser Folge im Fokus. 🕵🏼

Gleichzeitig lohnt sich ein Blick nach vorne: Wie könnte unsere Energiewelt 2040 konkret aussehen? Welche Entscheidungen müssen heute getroffen werden und was würde sich im Alltag von Menschen und Unternehmen tatsächlich verändern?

Eine Folge über Widerstände, blinde Flecken und das Potenzial einer Energiezukunft, die mehr kann als nur das Bestehende ersetzen. 👏🏼

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Laura Ertl: Ich bin Laura von der Ökostrom AG und darf die zweite Staffel von „geladen - Hier kommt die Zukunft zu Wort“ moderieren. Ich habe euch auch eine kleine Botschaft von Anna mitgebracht.

Anna Kratki: Hallo, liebe geladen-Zuhörer und Zuhörerinnen. Ich möchte mich in diesem Sinne verabschieden. Ich hoffe, ihr hattet genauso viel Spaß bei der Staffel wie ich. Für mich war es wirklich eine Herzensangelegenheit und es war wirklich grandios mit so vielen tollen Gästen und Gästinnen über so wichtige Themen zu sprechen. Und das bleibt natürlich auch weiterhin erhalten. Dementsprechend schaltet weiterhin ein, habt ganz viel Spaß und denkt wie immer an die Zukunft. Tschüssi, baba, alles Liebe.

Laura Ertl: Energie ist überall und fällt uns meist erst dann auf, wenn sie fehlt oder teuer wird. Jahrelang war sie ein technisches Thema. Das hat sich aber radikal geändert. Energie entscheidet heute über Lebensqualität, über Wettbewerbsfähigkeit, über Sicherheit. Und sie wird nicht mehr nur berechnet, sie wird verhandelt, bewertet und emotional diskutiert. Gleichzeitig geben wir jedes Jahr Milliarden für Öl und Gas aus. Fast so, als wäre das ein Naturgesetz. Wir diskutieren leidenschaftlich über einzelne Technologien, über Windräder, über E-Autos oder Heizsysteme, und verlieren dabei oft den Blick aufs Ganze. Deshalb stellen wir uns heute die Fragen, was ist nüchterne Analyse, was ist Projektion? Wo sind wir bei der Energiewende weiter als wir glauben? Und wo reden wir uns Fortschritte schön? Darüber sprechen wir heute mit jemandem, der seit Jahren an der Schnittstelle von Fakten, Politik und Umsetzung arbeitet. Geschäftsführer der österreichischen Energieagentur Franz Angerer.

Franz Angerer: Mein Name ist Franz Angerer. Ich bin Geschäftsführer der österreichischen Energieagentur.

Laura Ertl: Steigen wir mal einfach ein. Was darf man sich denn unter der österreichischen Energieagentur Was vorstellen?

Franz Angerer: Die Österreichische Energieagentur ist ein gemeinnütziger Verein. Du hast es vorher schon in der Anmoderation gesagt: an der Schnittstelle zwischen der Politik, der Verwaltung, der Energiewirtschaft und den Interessensgemeinschaften. Wir sind als gemeinnütziger Verein organisiert und agieren faktisch als ganz normaler Dienstleister. Wir sind nicht basisfinanziert. Das heißt, wir kriegen Aufträge. Die Aufträge kommen aber überwiegend in Teilen unserer Mitglieder, sprich von der öffentlichen Hand und aus der Energiewirtschaft.

Laura Ertl: Du siehst die österreichische Energieagentur oft als Bindeglied zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Wie du eben auch gerade gesagt hast. Was heißt das ganz konkret in deiner täglichen Arbeit? Und wo endet diese Rolle bewusst, damit sie am Ende nicht selbst zu Politik wird?

Franz Angerer: Das ist eine gute Frage. Wir haben ein kleines Statut. Das Statut gibt uns im Wesentlichen vor, in welche Richtung wir agieren sollen. Das Interessante an unserem Statut: es gibt uns seit 1977, Folge der Ölkrise aus den 70er Jahren. Ich würde die Frage erlauben: Was hat es denn dauernd seitdem? Wir haben immer noch dasselbe Problem. Aber das Statut ist nach wie vor sehr aktuell. Es spricht von Energieeffizienz. Es spricht von erneuerbarer Energie. Es spricht von neuen Technologien. Und genau diesem Statut fühlen wir uns verpflichtet. Wir sind eine Beratungsorganisation mit über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und extrem intrinsisch motiviert. Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass wir das Statut auch leben.

Laura Ertl: Jetzt in der Energiekrise wurde viel über Strompreise gesprochen. Deutlich weniger aber über die Milliardenbeträge, die Österreich jährlich für Öl und Gas ausgibt. Warum gelingt es uns so schlecht, diese fossilen Abhängigkeiten als laufende Kosten und nicht einfach als gegeben sichtbar zu machen?

Franz Angerer: An viele unserer Abläufe haben wir uns einfach gewöhnt. Und Gewohnheit ist ein ganz schlechtes Mittel, um daraus wieder rauszukommen. Wir haben uns daran gewöhnt mit Gas zu heizen. Wir haben uns daran gewöhnt, mit Benzin und Diesel unsere Autos zu betreiben. Die Wirtschaft hat sich daran gewöhnt, relativ günstiges Gas einzukaufen und hat alle ihre Prozesse darauf abgestellt. Und daraus wieder rauszukommen, ist einfach schwierig. Wir Menschen sind Gewohnheitswesen, die nicht bereit sind, von heute auf morgen ihre Gewohnheiten zu ändern. Und das ist genauso beim Energieverbrauch. Wir diskutieren uns den Mund fusselig, ob jetzt ein Elektroauto besser ist als ein Benziner oder ein Diesel. Und wir scheitern sehr oft an reinen Gewohnheitsthemen. Man hat sich an etwas gewöhnt und da will man nicht weg. Bei der Wirtschaft und Industrie sind es wirtschaftliche Interessen. Investitionen müssen sich rechnen. Aber auch hier spielt oft Gewohnheit eine Rolle. Aber im Wesentlichen ist es Gewohnheit. Und natürlich auch, wenn wir von Öl und Gas aussteigen, ändern wir Wirtschaftszweige. Wirtschaftszweige, die gewohnt sind, hohe Gewinne zu machen. Und mit diesen Veränderungen, die einhergehen, gibt es immer Verlierer. Und niemand verliert gerne. Und die Industrien, die am meisten verdienen, wissen wir wo die herkommen. Und das sind auch die, die am meisten verlieren würden. Darum werden die um nichts in der Welt ihren Platz freiwillig räumen. Sie werden auch nie nach außen auftreten: Großartig. Aber im Hintergrund wird sehr viel dafür getan, dass diese Wirtschaftsmodelle erhalten bleiben.

Laura Ertl: Wie du sagst, wir diskutieren viel über E-Auto oder nicht, über Windkraft hier oder dort, also über diese ganzen Einzeltechnologien. Aber hast du das Gefühl, wir verlieren den Blick auf das System dahinter bzw. werden ein bisschen auch davon abgelenkt?

Franz Angerer: Hundertprozentig. Es ist aber auch sehr schwierig Gesamtüberblick zu haben. Wir merken es ja selbst. Die Energiewelt ist eine Bubble. Die ist in Österreich eine sehr, sehr kleine Bubble. Und was wir innerhalb unserer Bubble kommunizieren, ist zumindest einmal für alle halbwegs verständlich. Und wir kommen mit sehr wenig Themen aus unserer Blase hinaus. Und ein Gesamtbild der Bevölkerung zu bringen, ist unheimlich schwierig. Und alles, was wir tun sollten, ist genau das zu versuchen, aus dem herauszukommen. Wir haben für alles eine Lösung. Wir haben ein sehr klares Bild, wie die Zukunft aussehen kann. Nur, das haben wir. Aber einem normalen Bürger, der sich mit diesem Thema nicht beschäftigt das zu erklären, da haben wir noch viel zu tun. Extrem viel Aufklärungsarbeit. Das schaffen wir nicht alleine. Da brauchen wir sehr viele Menschen dazu. Darum ist es auch ganz, ganz wichtig, aus unserer Blase hinauszugehen, in Gasthäuser zu gehen, in Vortragssäle zu gehen, zu Gemeindeveranstaltungen zu gehen. Es ist mir, es ist unheimlich wichtig, diesen Schritt auch zu wagen, und dort auch die unangenehmen Fragen zu hören, die keine Standardantworten erlauben. Aber es ist ganz wichtig, die Bevölkerung mitzunehmen.

Laura Ertl: Darf ich dich auch vielleicht fragen nach der Veranstaltung, wo wir uns kennengelernt, in Oberösterreich, der Bürgerveranstaltung. Wie war das für dich dort? Warst du konfrontiert mit Fragen, die du eh täglich bekommst? Oder hast du das Gefühl gehabt, es ist irgendwas speziell rausgestochen dort?

Franz Angerer: Nein, das war eine klassische Veranstaltung zum Thema Windkraft, die sehr professionell organisiert war. Was man bei diesen Veranstaltungen nie machen darf - und das wissen alle, die in der Branche tätig sind - große Publikumsdiskussionen zu beginnen mit Gegnern. Das führt absolut zu nichts. Es ist nicht wichtig, den kleinen Prozentsatz der Gegner zu überzeugen. Man muss den großen Prozentsatz der Unentschlossenen stärken und ihnen das Rüstzeug mitgeben, dass sie sich dafür einsetzen können. Ich habe es aufgegeben, mit Gegnern zu diskutieren. Es bringt absolut nichts.

Laura Ertl: Verlorene Zeit. (Ja.) Du kennst ja die Datenlage in Österreich, den Ausbau der Erneuerbaren und die politischen Zielsetzungen. Wenn man das zusammendenkt, wo ist Österreich bei der Energiewende objektiv weiter als wir glauben und wo vielleicht gar nicht so weit als wir hoffen?

Franz Angerer: Wenn man sich die nackten Zahlen anschaut, muss man sagen, Österreich ist in vielen Bereichen ein Vorzeigeland, nach wie vor. Wir haben sehr gute Voraussetzungen durch die Wasserkraft. Wir haben sehr gute Voraussetzungen durch den hohen Anteil der Biomasse in der energetischen Nutzung. Wo ich den größten Vorteil sehe, den man nicht in Zahlen messen kann, wir haben ein kommunales Energiegen. Ich bezeichne das so. Und ich weiß nicht so recht, wo es herkommt. Ich habe nur eine Vermutung. Ich glaube, dass es langfristige Auswirkungen der Anti-Atomkraft-Bewegung, der Anti-Hainburg-Bewegung war. Wir hatten dann kommunale Energiethemen. Für dich - du warst noch gar nicht auf der Welt wahrscheinlich: Es gab in den 90er-Jahren in ganz Ostösterreich kommunale Programme zum Selbstbau von Solaranlagen. Österreich war in der Zeit absoluter Vorreiter, weltweit Vorreiter. Es haben sich auch Industrien daraus entwickelt, die leider Gottes alle wieder nach unten gegangen sind. Aber es hat tausende Menschen gegeben, die Energie angegriffen haben, auch mit den Fingern, indem sie die Anlagen selbst gebaut haben. Gleichzeitig oder vielleicht kurz später gab es hunderte kommunale Fernwärmeanlagen. Die wurden von der Bevölkerung getragen, von Genossenschaften getragen. Das war Energie auch für die Leute zum Angreifen und auch zum Ansehen. In jedem Dorf ist ein Biomasse-Heizwerk entstanden. Und das das war immer „mein Heizwerk“ im Dorf. Das war eine wirklich interessante Bewegung. Das gab es sonst nirgends. Das gab es wirklich nur in Mitteleuropa und vor allem in Österreich. Daraus entstanden sind wieder die ganzen Windkraftanlagen, die Ende der 90er-Jahre gebaut wurden sind in Bürgerbeteiligungsgesellschaften gebaut worden. Auch da war es eine kommunale Bewegung, die den Wind ermöglicht hat. Und was wir jetzt sehen ist, Energiegemeinschaften boomen ohne Ende. Und wo tun sie das? In Österreich. Wir sind in sehr, sehr vielen europäischen Projekten beteiligt und wir sind immer das Vorzeigeland bei dieser Entwicklung. Es ist total interessant. Und ich glaube, das hilft schon, das Wissen zu den Menschen zu bringen. Das Wissen für Energie, für erneuerbare Energie zu den Menschen zu bringen. Da haben wir einen riesigen Vorteil.

Laura Ertl: Und wo täuschen wir uns über den Fortschritt hinweg? Wo sind wir nicht so weit?

Franz Angerer: Wir haben unendlich viele Baustellen. Aber nicht nur wir in Österreich. Wir haben in den letzten Jahren, fast zehn Jahren, vergessen, dass wir unsere Gebäude sanieren sollten. Das ist länger her. Ich glaube schon 15 Jahre. 15 Jahre diskutieren wir über Photovoltaik und Windausbau und haben die Sanierungsraten im Gebäudebereich, außen vorgelassen. Wir haben einen super Baustandard. Das habe ich vergessen. Das sollte man auch noch erwähnen. In Österreich wird hervorragend gebaut. Wir dämmen unsere Gebäude sehr gut. Wir haben eine sehr solide Haustechnik. Wir haben auch Firmen, die das können. Und zwar sehr, sehr viele Firmen die das können. Da sind wir wirklich ein Vorbildland. Die Sanierung haben wir vergessen. Das hat die Bauwirtschaft auch nicht interessiert. Ich hoffe, dass es hier wieder durchstartet. Der Baubestand ist immer noch relativ groß. Und wir haben natürlich auch in der Wirtschaft noch viel zu investieren. Wir reden alle von Elektrifizierung der Industrie. Da gibt es noch viel zu tun.

Laura Ertl: Technisch ist ja vieles bekannt. Politisch ist einiges beschlossen. Aber wo erlebst du den größten Reibungsverlust zwischen Wissen, Entscheidung und Umsetzung?

Franz Angerer: Eines habe ich schon angesprochen. Überall dort, wo es großartig um Veränderung bei den Menschen geht, ist es schwierig. Die positive Bereitschaft zu verändern, wird natürlich auch torpediert von all jenen, die auf der Verliererseite stehen. Das ist ganz klar. Manche davon sitzen möglicherweise auch in entscheidenden Rollen, und verhindern diese Veränderung ganz bewusst. Oder manche vielleicht sogar unbewusst. Ich habe vorher von der Blase gesprochen, die immer noch relativ klein ist. Wir in der Blase, ich sage immer dazu, wir glauben zu wissen, wie es geht. Wir wissen viel überhaupt noch nicht. Aber viele von den Entscheidungsträgern erreichen wir nicht aus unserer kleinen Bubble. Und dann wundern wir uns, dass Entscheidungen getroffen werden, mit denen wir überhaupt nicht einverstanden sind, die möglicherweise sogar kontraproduktiv sind, weil es uns aber auch nicht gelingt, die Kommunikation breiter zu machen.

Laura Ertl: Woran glaubst du, scheitert das? Ist es Lobbyismus oder was fehlt?

Franz Angerer: Es ist sicher ein bisschen Lobbyismus dabei. Wir leben in einer Zeit der Veränderung. Und die Veränderung braucht immer Menschen. Menschen, die auf der einen Seite die Veränderung kommunizieren, auf der anderen Seite Menschen, die zuhören können und auch bereit sind, sich zu ändern. Und es ist immer dieses Zusammenspiel. Bei manchen Veränderungen werden wir komplett überrumpelt und überrollt. Und das ist auch gut so. Ich erzähle immer die zwei Geschichten. Bei meinen Vorträgen habe ich immer zwei Folien mit. Unser Glaube an die Windkraft aus den 90er-Jahren. Wir waren euphorisch wie die ersten Windradl gekommen sind. In unserer Erwartungshaltung hat der Wind mit 3, 4, 5 Prozent Stromerzeugung Platz gehabt. Passiert ist eine Verzehnfachung unserer kühnsten Annahmen. Und zehn oder 15 Jahre später ist bei der Photovoltaik das Ganze noch viel, viel schneller passiert. Da sind wir schlicht und einfach überrumpelt worden. Von vielen Faktoren, von Preisentwicklungen. Und das ist auch das, was immer wieder Hoffnung macht. Weil viele Entwicklungen einfach so irrsinnig schnell gehen, dass wir nicht im Stand sind, diese Wirkungen abzuschätzen.

Laura Ertl: Ja, das gibt einem wirklich Hoffnung, wenn man das Gefühl hat, da ist noch was draußen, das könnte uns vielleicht noch überrumpeln im positiven Sinne.

Franz Angerer: Das sehe ich absolut so. Ich lasse mir gern vorwerfen, dass ich naiv bin, wenn ich mit solchen Ansagen komm. Aber ich bin gern naiv, wenn wir dann überholt werden. Und bei manchen Dingen werden wir das auch.

Laura Ertl: Wenn wir an das Szenario Energiezukunft 2040 denken, was ja von der österreichischen Energieagentur berechnet und wissenschaftlich belegt wurde. Welche Entscheidungen müssten wir in den nächsten fünf Jahren treffen, damit das realistisch bleibt? Und wo wird es schmerzhaft, wenn wir es nicht tun?

Franz Angerer: Energiewelt 2040 ist im Wesentlichen ein Stromszenario. Wir haben alle möglichen Entwicklungen uns angeschaut. Und es ist das einzige übriggeblieben, das uns wirklich sehr realistisch erscheint. Und wir haben keine Technologien erfunden. Wir haben Annahmen getroffen, die wir wirklich auch für machbar halten. Manches mehr, manches weniger. Was braucht es dazu? Die Basis eines Stromszenarios ist Strom. Das heißt, wir brauchen Strom. Und Strom kriegen wir aus Windkraft und aus Photovoltaik aus ein bisschen mehr Wasserkraft. Und um das Ganze zu lösen, brauchen wir Speicher und Netze. Und wir wissen alle, wie lange es dauert, um eine Hochspannungsleitung zu bauen und Windkraftanlagen genehmigt zu kriegen. Es ist sicher eines der ganz zentralen Themen, wie kriege ich diese Anlagen auch wirklich ins Feld? Wie kriege ich sie genehmigt? Das Bauen ist nicht mehr das große Problem. Aber ich muss die Bevölkerung davon überzeugen, dass es notwendig ist, diese Anlagen zu bauen. Und für mich sind Windkraftanlagen auch die sichtbaren Zeichen der Energiewende. Und als solches müssen wir die Bevölkerung dazu bringen, auch stolz darauf zu sein, dass wir einen ganz wesentlichen Schritt in Richtung Unabhängigkeit setzen. In Richtung nicht erpressbar zu sein. Und in Summe ist es, das kommt aus unserer Energiewelt 2040, im Endeffekt ist es ein volkswirtschaftlicher Hammer, sich selbst zu versorgen und Kaufkraft-Abfluss... Wir reden immer von acht bis zehn, zwölf Milliarden. Wenn ich diesen Abfluss verhindern kann, dann habe ich für die Volkswirtschaft absolut viel Positives getan.

Laura Ertl: Also das Geld, was wir jetzt ausgeben für Öl und Gas?

Franz Angerer: Ganz genau.

Laura Ertl: Du sprichst auch oft über Versorgungssicherheit und über, wie jetzt gerade, Unabhängigkeit. Warum tut sich denn unsere Gesellschaft so schwer, das Ganze als Freiheitsprojekt zu begreifen, obwohl diese ganzen Verbesserungen, wirtschaftlich, politisch, sicherheitspolitisch auch die Menschen im Kleinen betreffen würden, im positiven Sinne?

Franz Angerer: Ich glaube, es tut sich niemand damit schwer. Es hat noch niemand darüber nachgedacht. Und es ist niemanden bewusst. Ich würde es nicht Freiheit bezeichnen. Freiheit, das klingt mir einfach zu pathetisch. Es ist volkswirtschaftlich optimal und sicher. Ich möchte mich nicht erpressbar machen. Ich möchte bei meiner Energieversorgung unabhängig sein als österreichische Volkswirtschaft, als europäische Volkswirtschaft. Ich glaube, dass man das den meisten Menschen gut erklären kann. Nur muss man es tun. Und sie müssen auch zuhören. Und ich glaube, jeder will unabhängig sein von Putin, von Trump oder von den Zerwürfnissen, die es jetzt im Nahen Osten gibt. Wenn man in der Mariahilfer Straße der Bevölkerung ein Mikro hinhält, wird das jeder sagen: Natürlich will ich das. Ich will nicht abhängig davon sein. Aber die meisten sind sich nicht bewusst, dass sie selbst Schritte setzen können. Und da haben wir viel Aufklärungsarbeit noch zu tun.

Laura Ertl: Im Szenario Energiewelt 2040, wie sieht die Stromversorgung aus? Wie kann es funktionieren?

Franz Angerer: Das werden wir sehr oft gefragt. Wir sprechen in unserer Energiewelt 2040 über sehr viel Windkraft, über sehr viel Photovoltaik. Aber im Verhältnis zu sehr vielen anderen Strategien haben wir den Anteil der Windkraft deutlich stärker gewichtet. Warum haben wir das gemacht? Weil wir den Strom im Winter, und Windkraft kommt überwiegend im Winter, einfach deutlich höher bewerten. Wir brauchen im Winter mehr Strom als im Sommer. Wir haben im Winter deutlich weniger Wasserkraft. Wasserkraft ist überhaupt ein eigenes Thema. Zum Thema Verlässlichkeit stimmt das jetzt überhaupt nicht mehr. Und mehr Wind, weniger Photovoltaik bedeutet auch, dass ich bei weitem nicht so viel Netzausbau brauche. Und um diese Volatilitäten, die es natürlich trotzdem gibt… Wenn ich mir die Sommerbilanzen anschaue, ich habe zwar relativ verlässliche Tagesproduktionen über den ganzen Sommer, das kann man sehr, sehr gut vorhersagen, verteilt sich auch über Österreich relativ gut, aber ich habe natürlich in der Nacht keinen Strom. Das heißt, wir müssen die Photovoltaik, die wir tagsüber erzeugen, in die Nacht bringen. Dazu braucht es Speicher. Dazu sind chemische Speicher bestens geeignet. Die Pumpspeicherkraftwerke, die machen das bereits. Die werden aber mit dem steigenden Photovoltaik-Ausbrüchen irgendwann einmal zu klein werden oder zu wenig Kapazität haben. Da ergänzen sie sich hervorragend mit Batteriespeichern, die in großem Stil schon kommen, gebaut werden. Die gleichen das wunderbar aus. Und dann Batteriespeicher in Kombination mit den Pumpspeicherkraftwerken und den großen Speicherseen, die wir in Österreich Gott sei Dank immer noch haben, glauben wir, dass wir auch sehr gut über den Winter kommen. Was wir aus Erneuerbaren im Winter nicht decken werden, werden wir mit erneuerbaren Gasen aller Voraussicht nach decken. Aber ich denke, dass wir zumindest einmal acht, neun Monate ohne wirklich große Probleme drüberkommen. Und wir sind in einem europäischen Verbund jetzt wunderbar eingebunden. Das ist ein riesengroßer Vorteil. Ist aber auch bei der Preisgestaltung ein Nachteil, weil uns der billige Strom abgesogen wird. Aber das ist eine andere Baustelle. Aber wir sehen mit diesen vielen Volatilitäten gemeinsam mit den Speichern, mit den erforderlichen Netzausbauten, das relativ gelassen. Auch wenn wir in jetzt natürlich Wahnsinnsausreißer bei den Preissprüngen nach unten haben. Aber ich denke, das ist absolut lösbar. Das wird auch sehr viel der Markt lösen.

Laura Ertl: Was verändert sich da konkret im Alltag eines Haushaltes oder eines Betriebes, wann diese Energie Zukunft Realität wird?

Franz Angerer: Ganz simpel. Man muss sich nur vorstellen, was jetzt mit Öl und Gas passiert in einem Haushalt, in einem Betrieb. Im Wesentlichen werden diese Energieträger, diese fossilen Energieträger durch erneuerbaren Strom ersetzt. Es ändern sich natürlich auch manche Prozesse. Für den Haushalt ist es klar, wir haben weit über eine Million Haushalte, die mit Öl und mit Gas heizen. Ein großer Teil dieser Haushalte wird entweder mit Fernwärme versorgt, die aus Geothermie kommt, über Wärmepumpen bereitgestellt wird. Im ländlichen Raum werden es Wärmepumpen sein, die mit erneuerbaren Strom betrieben werden. Das ist nichts Neues. 80% aller Neubauten werden mit Wärmepumpen versorgt. Niemand zweifelt an der Funktion dieser Technologie. Das Zweite: Benzin und Diesel. Das ist eine höchst aufgeladene und emotionalisierte Diskussion, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich habe gestern mit einem Autohändler gesprochen, der hat gesagt, er im letzten Monat 50% Elektroautos verkauft. Das ist schon eine beachtliche Summe. Und er hat gesagt, er hätte viel mehr verkauft, wenn er mehr gehabt hätte. Das war die politische Entwicklung der letzten zwei Monate. Der Markt ist derzeit überhitzt. Der verkauft hauptsächlich Gebrauchtfahrzeuge. Die Preise sind fast 20% gestiegen. Der Gebrauchtwagenmarkt ist leer gekauft. Das ist eine positive Entwicklung. Aber wir diskutieren, das ist ein Witz am Rande, über das Kulturgut: der Sound eines Achtzylinders. Aber im Ernst, das ist komplett crazy und verrückt. Da hat sich etwas manifestiert in der Menschheit. Das ist unmittelbar mit dem Verbrenner verbunden. Ich verstehe es nicht, aber es ist offensichtlich so. Es gibt noch immer eine Generation, die an Mopeds herumgeschraubt hat, die den Geruch von Benzin noch riechen. Ich gehöre auch zu dieser Generation. Wir haben das alle erlebt. Irgendwie schafft es offensichtlich eine Verbindung damit, die uns nicht besonders guttut.

Laura Ertl: Wirkt so.

Franz Angerer: Ich habe die Frage nicht ganz beantwortet, weil ich war jetzt nur im Haushalt. Im Gewerbe ist es ganz ähnlich. Wie schaut das Gewerbe in Zukunft aus? Die Wärmeversorgung im Gewerbe ist klar. Das funktioniert genauso wie in den Haushalten, nur in größeren Einheiten. Prozesswärme und Industrieanwendungen. Wenn es noch Fragezeichen gibt, wie in welche Richtung es geht, dort gibt es noch Fragezeichen. Es geht immer um Hochtemperaturanwendungen. Wir haben jetzt sehr viele Anwendungen, die mit sehr hoher Temperatur gefahren werden. Wir wissen aber auch, dass viele dieser Anwendungen auch mit deutlich weniger betrieben werden könnten. Dann ist die Wärmepumpe das Maß der Dinge. Es wird auch in Zukunft Anwendungen geben, wo wir Gas brauchen. Wir reden sehr viel über Wasserstoff. Wir reden sehr viel auch über andere erneuerbare Gase. Wir werden diese brauchen. Es ist nur eine Frage, in welchen Mengen. Die Technologieentwicklung wird uns das zeigen, wo es hingeht. Wir wissen aber, dass es Industrieländer gibt, die nahezu ohne Gas auskommen. Da stelle ich immer die Frage, warum können wir das in Österreich nicht? Aber ich glaube, dass wir das eh können. Aber es gibt keine 100%-Lösungen. Das ist auch nicht notwendig.

Laura Ertl: Danke für die Einblicke in die mögliche Energiewelt 2040.

Franz Angerer: Bitte.

Laura Ertl: Jetzt kurz vor Schluss haben wir noch den oekostrom AG-Kurzschluss. Wir stellen dir fünf kurze Fragen, die du spontan beantworten darfst. Bauchgefühl oder Excel-Tabelle?

Franz Angerer: Bauchgefühl.

Laura Ertl: Optimieren oder loslassen?

Franz Angerer: Optimieren.

Laura Ertl: Podcast oder Buch?

Franz Angerer: Buch.

Laura Ertl: Leise denken oder laut diskutieren?

Franz Angerer: Beides.

Laura Ertl: E-Mail oder Anruf?

Franz Angerer: Anruf.

Laura Ertl: Danke dir, dass du heute bei geladen warst. Und euch danke fürs Dabeisein und Zuhören. Wenn euch die Folge gefallen hat, lasst uns gerne ein Abo da und schickt sie weiter an Menschen, die sie auch hören sollten. Bis zum nächsten Mal bei „geladen“, der oekostrom AG Podcast. Denn hier kommt die Zukunft zu Wort.

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