#79 Andreas Jäger: Wer jagt hier eigentlich wen?
Shownotes
In Folge #79 von Geladen sprechen wir mit Meteorologe, Wissenschaftsvermittler und Klimakommunikator Andreas Jäger, bekannt als Der Klimajäger. Unter dem Titel „Wer jagt hier eigentlich wen?“ geht es um die großen Fragen: Was macht Extremwetter heute häufiger? Warum wird Klima so emotional diskutiert? Und wie schaffen wir es, beim Thema Zukunft nicht in Fatalismus zu verfallen?
Wir sprechen über:
- warum negative Nachrichten in sozialen Medien oft stärker wirken
- wie Attributionsforschung funktioniert und was sie über Hochwasser, Hitze & Starkregen verrät
- wieso der aktuelle Backlash gegen Klimaschutz kein Zufall ist
- welche Missverständnisse es beim Thema Klimawandel am häufigsten gibt
- warum ihm gesellschaftliche Reaktionen manchmal mehr Sorgen machen als der Klimawandel
Andreas nimmt kein Blatt vor den Mund, und lässt trotzdem Raum für Optimismus. Eine augenöffnende Folge über unseren Umgang mit Tatsachen!
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Anna Kratki: Über das Wetter reden wir meistens dann, wenn wir eigentlich nichts zu sagen haben - im Aufzug, im Lift, in der Kaffeeküche. Es ist quasi unser klassisches Smalltalk-Thema - harmlos und unverbindlich. Ernsthaft über das Wetter wird aber erst dann gesprochen, wenn es uns wirklich betrifft. Wenn Straßen unter Wasser stehen, wenn Hitze belastet oder Starkregen zur Katastrophe wird. Dann fragen wir uns: Ist das normal? Gab's das früher auch schon? Oder ist das jetzt eben schon der Klimawandel? Gleichzeitig prasseln, dann super viele Schlagzeilen auf uns ein: Rekordhitze, Jahrhunderthochwasser, Extremwetter. Fast jedes Ereignis ist auch schon historisch. Aber was davon ist jetzt wirklich wissenschaftlich belegbar, was es tatsächlich außergewöhnlich und was ist Zuspitzung? Genau darüber wollen wir heute sprechen. Unser Gast heute ist Meteorologe, Wissenschaftsvermittler und online bekannt als der Klimajäger: Andreas Jäger.
Andreas Jäger: Hallo, mein Name ist Andreas Jäger. Ich bin schon lange mit dem Thema unterwegs. Vor allem habe ich früher viele Wetterberichte gemacht und Klimadokumentationen. Aber in den vergangenen Jahren, so ca. seit, ziemlich seit Corona 2020 hab ich mich wirklich ganz stark dem Klima zugewandt. Sehe das Problem beim Klima weniger im Verständnis vom Klimaproblem, sondern in der Kommunikation. Und deswegen sehe ich mich ein bisschen als Klima-Kommunikator und nenn mich sozusagen auf Social Media, Insta und LinkedIn vor allem, nenne ich mich Klimajäger.
Anna Kratki: Andreas, vielen lieben Dank, dass du da bist. Du hast jetzt eigentlich schon die erste Frage von mir vorweggenommen.
Andreas Jäger: Oh, das ist schade, das tut mir leid, Anna. Ich hätte es wissen müssen. Hätt nur die Fragen lesen müssen vorher.
Anna Kratki: Auf den Social-Media-Plattformen bist du eben als der Klimajäger unterwegs. Was jagst du denn genau?
Andreas Jäger: Es hat sich halt so angeboten. Das ist plakativ, wenn man Andreas Jäger heißt. Hat sich Klimajäger irgendwie angeboten. Naa, ich bin irgendwie schon auf der Jagd nach … In den vergangenen Jahren ... Also angefangen hat es sehr stark mit, was passiert beim Klima jetzt wirklich, was tut sich, wie kann man das den Leuten erklären und so. Und jetzt bin ich ganz stark auf der Jagd nach Lösungen. Also, was können wir eigentlich tun, um den Klimawandel abzufedern? Also, was sind die Möglichkeiten, die wir haben? Weil immer alle nur vom Problem reden, und keiner redet von der Lösung, oder den Lösungen, die wir brauchen. Und die wir schon haben. Wir müssen sie nur kommunizieren. Das ist mein Credo.
Anna Kratki: Das stimmt, das Wort Klima, das ist ja wirklich sehr, sehr negativ behaftet. Und du hast jetzt z.B. auch auf Social Media einen Adventkalender gestartet, wo es eben darum gegangen ist, dass du Good News verbreitest. Wie hast du das so empfunden? Haben, die trotzdem auch funktioniert, diese Good News? Oder funktionieren diese zugespitzten emotional aufgeladene Beiträge im Netz trotzdem noch besser?
Andreas Jäger: Unter Umständen schon. Das Negative funktioniert oft besser, weil es in der Evolution einfach begründet ist. Du musst dich um das Negative zuerst kümmern, weil das kann dir sozusagen das Leben, kann dein Leben gefährden. Aber grundsätzlich ist es so, dass wir so viel Negatives haben in den Medien, dass die Leute dürsten nach etwas Positiven auch. Und das merkt man. Also das Wort Good News, keine Ahnung, das klingt so abgedroschen. Und ich hab's auch schon in anderen Medien gesehen und gedacht: Ja, es ist eigentlich wahr. Ich mache jetzt einen Adventskalender - jeden Tag nur das Gute erzählen. Weil wir sind so fokussiert auf das Negative, dass das gut tut. Und es ist sehr gut angekommen. Also es waren einige, die haben gesagt: Boah super, endlich kann man in der Früh was Nettes lesen. Was nicht gelogen ist. Es ist halt nur der Teil der Wahrheit. Wie das Schlechte nur ein Teil der ganzen Wahrheit ist, ist das Gute auch nur ein Teil. Aber den kann man auch einmal anschauen.
Anna Kratki: Das heißt, du diskutierst auch auf deinen Plattformen mit deiner Community. Was frustriert dich denn da am meisten? Bzw. was überrascht dich denn da auch immer positiv in diesem Diskurs?
Andreas Jäger: Frustrieren tut mich, wenn ... Das Thema ist halt sehr einschläfernd. Wie soll ich sagen? Es ist nicht, weißt du, wenn irgendwo ... Thema: saurer Regen. Ja, da haben wir nur die Quellen schnell entschlacken müssen und entschwefeln müssen, mit Heizöl leicht und und und. Und das Thema war erledigt. Also du hast die Ursache - den Schornstein und den Auspuff vom Auto - in die Hand genommen und hast sehr schnelle Ergebnis gehabt. und zwar lokal. Die Luft ist da besser geworden. Wir haben plötzlich keinen ... innerhalb von 10 Jahren haben wir das Problem saurer Regen abgeschüttelt.
Anna Kratki: Magst du mal kurz erklären für die breite Masse, was du genau unter sauren Regen verstehst?
Andreas Jäger: Ja, das war das große Thema in den 80ern, dass wir sozusagen durch schwefelhaltige Abgase, sehr viel ... das hat sich in den Regentropfen gelöst zu saurer, zu Schwefelsäure. Und das Ganze war dann, da war der Regen sozusagen so sauer, dass er die Pflanzen kaputt gemacht hat. Also die sind an - ganze Wälder - an Übersäuerung des Bodens sozusagen eingegangen. Das war das große Problem der 70er-, 80er-Jahre. Und irgendwann hat man mal gesagt, okay, jetzt müssen wir wirklich was machen. Diese Umweltfuzzis scheinen recht zu haben. Und dann hat man sozusagen Heizöl leicht, und man hat sozusagen diese Brennstoffe entschwefelt. Und ist damit innerhalb von zehn Jahren mit den SO2-Werten, also mit den Schwefelsäurewerten so runtergekommen. Also man hat das Problem in zehn Jahren wirklich gelöst gehabt. Und das war wirklich ganz klar Ursache-Wirkung. Wir machen hier in Österreich was, also haben wir hier mit unserer Luft sofort ein Ergebnis. Und beim Klima ist es ein bisschen was anderes. Ich mache hier in Österreich was, es ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und nur wenn alle auf der ganzen Welt diesen Tropfen auf den heißen Stein machen, können wir ihn kühlen. Das ist das Problem beim Klima. Deswegen muss man auch die Kommunikation ändern. Und das und das glaube ich, darum geht es jetzt in der Kommunikation. Dass man sagt, du pass auf, es geht eh ums Klima, aber es geht eigentlich vor allem um ein besseres Leben. Weil wenn ich heute, ich habe es grade wieder gedacht, ich bin heute, was ich nie bin, aber ich war, um einen Transport zu machen, mit dem Klein-Elektroauto unterwegs, mit dem gebrauchten. Und in der Tiefgarage stinkt es gottelendiglich. Die Diesel stinken einfach. Also, wenn wir anfangen, Elektroautos zu fahren, das gut abgemischt - da gibt es vernünftige gute Argumente, wieso das dem Klima sehr wohl hilft und wieso das gut ist - wenn wir das machen, dann machen wir automatisch auch die Luft bei uns sehr viel besser. Wir hatten in Europa, bis vor zehn Jahren, hat man gesagt, fünf Jahren noch, hat man gesagt, jährlich sterben 400.000 Menschen in Europa vorzeitig an schlechter Luft. Mittlerweile haben wir den Kohleverbrauch in Europa, also die Kohleverstromung, um über 60 Prozent gedrückt, also fast zwei Drittel runtergedrückt. Und die Luft ist schon so gut, dass mittlerweile nicht mehr 400.000 vorzeitig sterben in ganz Europa, sondern nur noch 230.000. Also das sind Geschichten, die muss man auch erzählen. Wir atmen jetzt eine wesentlich bessere Luft als noch vor zehn Jahren. Das ist doch super. Und dahin geht's. Und ganz nebenbei helfe ich noch, weil ich eben keine Kohle mehr verbrenne, die dann wieder CO2 an das Klima belastet, helfe ich noch dem Klima. Aber eigentlich geht es darum, uns selber zu helfen. Insofern war auch der Putin, ist ja der größte Klimaschütze überhaupt. Also das Ganze, wir steigen jetzt aus russischem Gas aus, ist ja ein feuchter Traum jedes Meteorologen, der sich mit Klima beschäftigt. Also wir müssen das Gas abschütteln. Und hätte nie gedacht, dass es geht. Aber mit dem Putin haben wir es geschafft.
Anna Kratki: Ich möchte noch mal kurz auf etwas eingehen, was du vorhin gesagt hast. Und zwar, die Umweltfuzzis scheinen Recht zu haben oder haben quasi Recht gehabt. Warum glaubst du, ist dein Beruf so negativ behaftet? Also warum sagt da die Gesellschaft, die Umweltfuzzis, und jetzt wollen die schon wieder was?
Andreas Jäger: Weil sie sich eben schwertun, Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten und weil sie sich eben machtlos fühlen. Ich glaube, das ist das generell diese Zeit. Das macht das auch für die jungen Menschen wahnsinnig schwer. Ich habe selber Kinder. Eine Tochter ist 16, die andere ist 23. Und das ist eine Zeit, wo es nur Krisen gibt. Es gibt den Krieg, und es gibt die Umwelt, und es gibt das, und jetzt gibt‘s das Klima auch noch dazu. Also da kann man sich schon machtlos fühlen. Und ich glaub, das ist eine Trotzreaktion, dass man denkt: Wenn ich schon nix machen kann, also, gefühlt kann ich nix machen, dann ist das eh alles eine Schaß. Und diese Trotteln und so. Ich lebe eh so gut weiter. Und ist es eh fein, wenn es im Winter nicht so kalt ist und im Sommer wärmer ist. Und und und. Also ich glaub, dass es eine reine Trotzreaktion ist. Aber die damit zusammenhängt, dass einfach die Kommunikation, die Klimakommunikation nicht so gut passt. Also das muss noch besser auf Schiene kommen. Das ist meine Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Für meinen kleinen Teil, den ich dazu beitragen möchte. Es gibt noch andere.
Anna Kratki: Wie reagierst du da drauf, wenn eben jemand von deiner Community sagt: Naja, ich alleine kann eh nix bewirken, deswegen ist es eh wurscht. Also was rätst du solchen Menschen?
Andreas Jäger: So reagiere ich. Ich kann das Argument schon nimmer hören. Es ist so dumm! Es ist so unsäglich dumm. Es ist so ungefähr so, wie wenn ich sage, ja, ich schlage meine Kinder, weil es alle anderen auch machen. Es muss jeder bei sich anfangen und es besser machen. Und dann sind wir Vorbildwirkung, und dann strahlt es auch aus. Zum Beispiel, ja, was kann Europa machen? Europa hat einen wahnsinnigen Einfluss als Riesenmarkt, zu dem wir auch gehören, auf die anderen. Da gibt es Trickle-Down-Effekte. Also wenn wir sagen, wir kaufen nur noch die Sachen, die wenig CO2 am Buckel haben und die anderen zahlen Strafe. Dann sagen die Chinesen auf einmal, bei uns gibt es das Gesetz zwar nicht, aber ich will ja die Strafe nicht zahlen, also werde ich das Ding produzieren mit weniger CO2. Also das strahlt alles aus, das darf man nicht vergessen. Wir haben auch eine geschichtliche Verantwortung, weil wir über die Geschichte sehr wohl überproportional viel CO2 ausgestoßen haben. Aber auch sonst. Also wenn ich nicht mehr daran glaube, dass ich etwas bewirken kann, dann bitte gehen wir doch einfach nicht zur Wahl, zum Beispiel. Also dann gehe ich doch auch nicht zur Wahlurne. Was soll es denn überhaupt? Dann kann ich mich gleich irgendwo einsperren, weil ich kann eh nichts mehr tun. Also ich mag diese fatalistische Einstellung, und sie ist richtig dumm, überhaupt nicht mehr. Also man kann sehr wohl was tun. Wenn wir jetzt gerade im Auto fahren, überlegen wir mal meinen neuen Post. Da wird es darum gehen, um Skifahren oder Baden. Ich habe nämlich im Radio gehört, da gibt es … Also für Skifahren wissen wir: in Österreich kann man toll Skifahren gehen. Ja, okay. Und dann höre ich im Radio, ja, Vietnam, Vietnam. Man kann jetzt um 800 Euro nach Vietnam fliegen. Viel zu billig. 800 Euro nach Vietnam. Und dann gehe ich heute, ich habe es bewusst angeschaut: Badeurlaub in Vietnam kostet ... Also da kann man auch baden. Jetzt kann man sich entscheiden: Okay, was mache ich jetzt die Semesterferien? Ja, was mache ich jetzt? Gehe ich baden oder gehe ich Skifahren? So, und dann rechnen wir uns mal aus. Wenn ich mit dem Auto Skifahren gehe. Sagen wir mal wir sind zu viert, ja, Eltern mit zwei Kindern, fahren zu viert Skifahren. Dann ist der CO2-Ausstoß von dem Auto, der größte CO2-Ausstoß vom ganzen Skiurlaub. Das sind 200 Kilo. So, und wenn ich sage: Naa, Hanoi ist viel lustiger und ich möchte in Vietnam baden. Ja, das wird total cool werden. Und ich steige in den Flieger. Dann habe ich nur beim Flieger zehn Tonnen. Das sind die Unterschiede. Und da kann ich sehr wohl was machen. Und da kann ich sehr wohl entscheiden, mache ich einen Impact oder nicht. Kurze Frage, lange Antwort.
Anna Kratki: Alles gut. Deswegen bist du auch hier. Also du beschäftigst dich schon seit ganz vielen Jahren intensiv mit Wetter und Klima. Wenn du so zurückblickst, was hat sich denn in dieser Zeit am deutlichsten verändert? Also jetzt egal, ob meteorologisch gesehen, gesellschaftlich oder auch medial.
Andreas Jäger: Es hat sich extrem viel geändert. Also was sich geändert hat - ich bin so alt, dass ich in den 80er-Jahren studiert hab, und da ist immer noch ein bisschen diskutiert worden: Es hat schon ein bisschen angefangen nach oben abzufliegen, aber das ist eigentlich noch im Bereich der natürlichen Schwankungen. Und es war noch nicht so beweisbar, ob das jetzt natürliche Schwankungen ist, die stattfinden, oder ob es schon ein Mensch ist. Und ich habe das dann natürlich jetzt über diese vier Jahrzehnte intensiv verfolgt. Und es zeigt sich, dass leider alle Prognosen, die wir damals gemacht haben, dass die die voll eingetroffen sind. Also es ist aus einer, doch doch es ist total logisch, also der Mensch wird das Klima verändern durch CO2, durch Methan und diese ganzen Treibhausgase, doch, doch, es ist logisch, ist seit den Nullerjahren circa, also das ist auch schon wieder 26 Jahre her, seit den Nullerjahren, seit der Jahrtausendwende ist es einfach in Beton gegossen. Das ist einfach so. Und da kann man nicht mehr dran rütteln. Und das hat aber dann gedauert bis vor zehn Jahren, dass die Leute nicht mehr bei Vorträgen aufgestanden sind und gesagt haben, das glauben sie nicht, dass so ein kleines CO2-Modell Molekül, das alles machen kann. Die weißen Männer, die Ingenieure, die dann so aufstehen und alles besser wissen. Das passiert nicht mehr. Also das ist angekommen, dass das wirklich so der Fall ist. Aber dann, ja, wer weiß, es ist immer noch so ein Verhandeln. Ja, aber das sind doch natürliche Schwankungen… Also, das hat sich geändert, der harte Widerstand, aber er ist eher passiv geworden. Dann ist … boah, pass auf! 2018, 19 ist Greta Thunberg gekommen. Und das hat uns alle geflasht. Also das war für uns Meteorologen, die sich mit Klima beschäftigen, war das unglaublich. Es war so toll, es war so schön. Es hat sich jeder gefreut, dass ein 17-jähriges, 16-jähriges Mädchen es schafft, so viel zu bewegen. Alle anderen reden wir schon seit zehn Jahren vom Klimawandel. Die kommt, und auf einmal glauben sie es. Es war – Bussi. Also es war das Schönste überhaupt. Aber jetzt sind, seit letztes Jahr, seit 2025, mitten im Backlash. Und das hat sich massiv geändert. Backlash, per Definition ist eine reaktionäre Haltung, wenn ich eine Veränderung nicht haben will. Dann mache ich Stimmung dagegen, ich will das nicht haben. Und woher kommt die? Natürlich, weil es den Fossilen langsam an den Kragen geht. Das waren alles Gedankenspiele. Weißt du, wie viele Elektroautos weltweit 2025 verkauft wurden von 100 Prozent? Was schätzt du? Ganze Welt. Also von Norwegen, wo es 90% sind, über Österreich, wo wir mittlerweile bei 20% sind, bis zu Uganda von mir aus. Keine Ahnung. Was glaubst? Ganze Welt, alle Entwicklungsländer, alle Schwellenländer, alle dabei. Was schätzt du?
Anna Kratki: Wahrscheinlich unter, wahrscheinlich 20 Prozent.
Andreas Jäger: Ein Viertel mittlerweile. 25 Prozent. Das boomt unglaublich. Und jetzt passiert Folgendes. China zum Beispiel boomt irrsinnig. Die haben extremen CO2-Verbrauch und Ölverbrauch. Der Ölverbrauch geht zurück. Das ist ein Riesenmarkt, da geht der Ölverbrauch zurück. Die drehen durch. Die drehen am Rad. Die ganzen Öl-Multis, die drehen durch. Das ist der Backlash, dass die jetzt total Stimmung dagegen machen. Ah, da gibt es die seltenen Erden, und da gibt es das und auf das müssen wir aufpassen und auf das müssen wir aufpassen. Und Elektromobilität wird ganz, ganz schlecht geredet. Obwohl es eindeutig richtig gemacht, eine absolute Lösung ist. Das könnt ich auch tausendmal drüber reden. Aber das ist passiert. Also von, wir haben gekämpft mit: ist es überhaupt wahr? Dann ist es anerkannt worden. Und jetzt, wo die Gegenmaßnahmen sozusagen greifen, werden die Alten, die auf ihren Pfründen sitzen, werden nervös und schlagen dagegen. Aber die haben auf Dauer verloren. Das ist meine Hoffnung.
Anna Kratki: Klimawandel bedeutet auch zeitgleich Hitze, Überschwemmungen, Starkregen. Und in diesem Zusammenhang hört man auch ganz oft das Wort Attributionsforschung. Möchtest du uns das vielleicht mal kurz erläutern, was das heißt?
Andreas Jäger: Das ist jetzt eine spannende Frage. Es ist so, also früher war, im Grunde die Schwankungen beim Klima sind enorm, von Jahr zu Jahr. Da ist das Problem, dass die Schwankungen, also dass das langjährige Mittel, der Anstieg der Temperatur überlagert ist von einer jährlichen ganz starken Schwankung. Dann hast du dieses Shifted-Baseline-Syndrom, wo du gar nicht merkst, dass sich was ändert unter deinem Hintern. Das ist ja alles komplett anders, als früher war. Früher hat man klar gesagt, 2003 war, stellt sich jetzt raus, damals haben wir gesagt, Jahrtausendsommer. Mittlerweile waren die anderen auch schon knapp dran. Aber damals war das: Boom! Ist das der Klimawandel? Dann hat jeder Meteorologe 2003 gesagt, und jeder Klimatologe, das kann man so nicht sagen. An einem Ereignis kann ich das nicht festnageln. Geht nicht. Ich kann es nicht sagen. Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, es ist sehr wahrscheinlich, aber es ist nicht beweisbar. Und dann hat sich seit den 10er-, 15er-Jahren ungefähr die Attributionsforschung entwickelt, wo man gesehen hat, wo man halt einfach … Ich kann ja das Wetter, das Klima, wie es jetzt ist, modellieren. Also, ich kann es wirklich mit einem physikalischen Modell nachbauen. Jetzt habe ich das Klima der Erde nachgebaut. Und von mir aus das Klima in Österreich nachgebaut. Und jetzt kann ich sagen, ich nehme diese Wetterlage an. Also die Wetterlage: Sommertemperaturen, 70 Tage über 30 Grad. Wie wahrscheinlich ist das jetzt beim Klima um 2000? Und dann lasse ich einfach das Modell 1000 Läufe machen, vielleicht 10.000 Läufe machen. Dann sehe ich eine Wahrscheinlichkeit. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Weil ich kann auch bei einem kühlen Klima einen sehr warmen Sommer haben. Also wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit. Dann kommt eine kleine Wahrscheinlichkeit raus. Und wenn ich dann sage, so, und jetzt tun wir mal in das Modell mehr CO2 und tun das und tun das rein. Was passiert jetzt? Und dann werde ich sehen, dass dieses Extreme, dieser extreme Sommer öfter vorkommt. Und das ist Attributionsforschung. Wo ich über statistische Verfahren ganz genau nachweisen kann, das Ding ist früher auch passiert, aber jetzt viel wahrscheinlicher. Wir haben jetzt ein Hochwasser, das früher alle 100 Jahre gekommen ist, kommt jetzt alle 20 Jahre. Und das kann ich über Attributionsforschung auch nachweisen.
Anna Kratki: Wird deiner Meinung nach in der öffentlichen Debatte und in den Medien der Einfluss des Klimawandels auf das Extremwetter eher übertrieben oder doch eher unterschätzt? Also wie nimmst du das wahr?
Andreas Jäger: Es wird teilweise übertrieben, aber dann halt wieder vergessen. Also ich glaube, es wird unterschätzt. Also wenn wir das Hochwasser von 2024 haben, im September, wer sich noch erinnern kann, als wir dieses tausendjährliche Hochwasser am Wienfluss hatten. Tausendjährlich heißt, eine statistische … Das Hochwasser an der Wien … Den Wienfluss tut man schon lange bepegeln. Da hat man keine Ahnung wie viele 100 Jahre, 150 Jahre sicher Aufzeichnung von diesem Pegel. Und dann kannst du die Wahrscheinlichkeit ausrechnen, dass das Wasser da oben ist. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Dann hat man gesagt, das ist alle 1000 Jahre. Und das hatten wir aber 2024. Und es wird total unterschätzt, dass einfach durch den Klimawandel mehr Energie in der Atmosphäre ist, mehr Wärme in der Atmosphäre ist, die dafür sorgt, dass mehr Feuchtigkeit aufgenommen wird. Und wenn dann die meteorologischen Umstände passen, das muss gar nicht Klimawandel sein, es passen einfach nur die Umstände, dann ist einfach mehr Feuchtigkeit im Schwamm. Dann kommt einfach mehr raus. So muss man sich das bildlich vorstellen. Und ich glaube, das wird total unterschätzt. Es ist einfach jedes Grad wärmeres Klima sind sieben Prozent mehr Wasserdampf. Das heißt, wir sind jetzt drei Grad wärmer in Österreich als vor 100 Jahren. Das sind 21 Prozent mehr. Und das ist dann halt der Unterschied zwischen 100 und 121 Liter. Das ist genau die Überschwemmung.
Anna Kratki: Du hast dir die Klimakommunikation zur Aufgabe gemacht. Was würdest du dir denn wünschen bei so einer verantwortungsvollen Berichterstattung über Extremwetter? Wie soll die ausschauen deiner Meinung nach?
Andreas Jäger: Ich glaube, sie ist gar nicht so schlecht. Sie ist gar nicht so übel. Wenn ich jetzt an das Hochwasser 2024 denke, sind wir mit dem blauen Auge davongekommen, weil die Prognosen mittlerweile, die waren wirklich unglaublich gut. Fünf Tage vorher zu sagen, ja, 200 bis 400 Liter. Und die sind genau gekommen. 200 bis 400 Liter aus diesem Ereignis. Das ist der halbe Jahresniederschlag von manchen Gegenden in Österreich - in vier Tagen. Also die Vorhersage war sehr gut. Wir sind mit dem blauen Auge davongekommen, weil unsere Blaulichtorganisationen, Rettung, Feuerwehr, die sind ja perfekt. Die haben das toll gemacht. Das abgefangen. Und trotzdem ist genug passiert. Und es wurde auch danach über den Klimawandel diskutiert. Und jetzt kommt es. Und es war genau, ich weiß nicht, ein Monat später war die Nationalratswahl. Wo hat die FPÖ am meisten Stimmenzuwachs gehabt? In den Gegenden, wo es am meisten geregnet hat, wo es am meisten Überschwemmungen gab. Also da scheint die Kommunikation nicht … das kommt nicht an. Ich dachte mir, okay, das wird dem Umweltschutz helfen. Das hat ihm nicht geholfen.
Anna Kratki: Ich hab das schon noch so im Kopf, dass die Headlines sehr reißerisch waren. Oder eben auch so quasi die Titelbilder einfach sehr extrem dargestellt wurden. Aber es ist ja auch extrem. Andererseits sagst du, man soll die Kommunikation positiv darstellen. Also das ist ja irgendwie sehr, sehr schwierig, oder? Wie schaffst du das, dass das einhergeht?
Andreas Jäger: Es geht ganz einfach. In diesem Kübler-Ross-Grief-Cycle, wenn du ein Problem hast, da geht es immer zuerst einmal nur Ablehnung. Das gibt es nicht. Dann der Ärger. Dann kommt das Verhandeln. Reicht es, wenn ich mir ein Auto kaufe, das ein bisschen weniger Diesel braucht? Und dann kommt die Depression. Und dann kommt erst das Akzeptieren und das nach vor Schauen. Und darum geht es. Es geht um beides. Es geht darum, hey, mit dem haben wir eh gerechnet, das müssen wir jetzt handeln. Um diese Hochwasser kommen wir nicht herum. Das haben wir gut gehandelt. Bussi, super, so weiterarbeiten. Aber jetzt müssen wir hergehen, jetzt, wo wir noch einmal gesehen haben, was das bewirkt, jetzt müssen wir hergehen und die Lösungswege beschreiten. Das heißt, wegkommen von CO2 und von Methan und anderen Treibhausgasen. Also das wäre der Punkt. Der Punkt ist, das als Anhaltspunkt zu nehmen und zu sagen, okay, noch einmal, das ist eine Bestätigung, das gibt es, aber wir schauen nach vorne. Zuerst einmal, das Gute an der Geschichte ist, und das habe ich auch erzählt, es ist eindeutig Klimawandel, aber das Gute an der Geschichte ist, wir sind wahnsinnig gut damit umgegangen. Wir haben es geschafft, rein wissenschaftlich super Prognosen zu machen. Wir haben es geschafft, die Gesellschaft so weit zu kriegen, dass sie super reagiert hat. In Deutschland, im Ahrtal, ein paar Jahre vorher, diese unglaubliche … ich weiß nicht, mit über 100 Toten und 4 Milliarden Euro Schaden und so. Wieso sind die Menschen gestorben? Weil die Warnungen der Meteorologen nicht unten bei der Feuerwehr angekommen sind. Das ist ein offenes Geheimnis in Deutschland. Bei uns funktioniert das. Wir sind gut da. Wir sind gut in Bewältigung von Katastrophen. Das ist die gute Story. Und das muss man nehmen. Genau deswegen müssen wir jetzt aber schauen. Weil: wie viel Sandsäcke auf der Welt gibt es? Es gibt die Grenzen der Anpassung. Das muss man auch klar machen. Also so wie das Wetter jetzt ist, das Extremwetter, das können wir handeln. Das packen wir. Das schaffen wir irgendwie. Das kostet Geld. Und da wissen wir, da müssen wir noch ein bisschen verbauen und da müssen wir noch das und das und das machen. Aber es gibt Grenzen der Anpassung. Wenn wir so weitermachen, werden wir in Zukunft irgendwann gewisse Täler in Österreich einfach absiedeln müssen. Weil wir sagen, für die paar Häuser da drinnen, das können wir uns einfach nicht leisten. Wir sperren das Tal zu. Und wenn das Wetter schön ist, darf man rein.
Anna Kratki: Was du vorhin schon angesprochen hast, Akzeptanz statt Ignoranz. Also dass wir eben das Ganze akzeptieren. Was unterschätzen wir gesellschaftlich beim Thema Klimawandel und Extremwetter am meisten?
Andreas Jäger: Was wir am meisten unterschätzen, und das ist auch wirklich schwer intuitiv einfach nicht zu begreifen, was wir am meisten unterschätzen, ist: Es ist jetzt drei Grad wärmer in Österreich als es war vor 100 Jahren im Jahresmittel. Ja, dann habe ich am Nachmittag statt 27 Grad, 30 Grad. Wo ist jetzt da der große Schaden? Also das ist intuitiv nicht zu verstehen. Diese drei Grad gemittelt auf ein Jahr versteht man nicht. Ich verstehe 35 Grad am Nachmittag oder 40. Dann sage ich, ja, 40 ist schon sehr viel heißer, obwohl 35 auch schon heiß ist. Aber das kann ich verstehen. Und das ist glaube ich das: Statistik ist ein Hund. Also der Mensch ist kein geborener Statistiker. Im Gegenteil.
Anna Kratki: Macht dich also eher die gesellschaftliche Reaktion oder eben die physikalischen Veränderungen mehr nervös, sage ich mal?
Andreas Jäger: Mir macht die Reaktion im Moment mehr Sorge. Weil das Kopf in den Sand stecken, das bringt halt nichts. Und vor allem, es tut mir so weh, wenn ich sehe, dass wir alle Möglichkeiten haben. Also global, wir haben alle Möglichkeiten. Wenn ich sehe, was da gerade abgeht. Das Wunder der Photovoltaik - was da gerade passiert. China elektrifiziert Afrika. Wir haben technisch alle Möglichkeiten. Im Moment sind wir da, dass wir den Zusatz … Der Energiebedarf der Welt steigt. Die müssen sich auch entwickeln und die ganzen Rechenzentren, die wir brauchen für KI. Der Energiebedarf steigt. Und der wurde jetzt abgedeckt von erneuerbaren Energien. Das Problem ist, dass der Sockel am Fossilen noch nicht wirklich weggeht. Und da muss man eben ganz bewusst steuern und sagen: Naa, naa, naa, naa, naa. Auch das 3-Liter-Auto ist schon lang keine Lösung mehr. Da hätten wir in den 80ern darüber diskutieren können, aber nicht mehr jetzt. Das 3-Liter-Auto, von dem alle geredet haben - vergiss den. Es gibt nur noch das Null-Liter-Auto. Es gibt keinen Kompromiss. Mit der Natur kann man nicht, mit Physik kann man nicht feilschen. Das geht nicht. Und das ist das, was mir Sorgen macht, dass wir vielleicht ein bisschen zu wenig schnell sind. Wobei ich überzeugt bin, als Menschheit oder als Menschen oder als Gesellschaft, irgendwann sind wir immer in die Gänge gekommen.
Anna Kratki: Wenn man mit dir spricht, dann merkt man schon, dass du wirklich immer so diesen positiven Blick hervorhebst und dass du immer positiv an die Sache rangehen möchtest. Auch wenn es eben ein schweres Thema ist, und wenn wir über die Probleme sprechen müssen. Wenn du jetzt unseren Hörern und Hörerinnen noch etwas auf den Weg mitgeben möchtest, was wäre denn ein realistischer, aber positiver Blick auf die nächsten 10 Jahre?
Andreas Jäger: Ein realistischer und positiver Blick ist, dass jetzt zum Beispiel die Energiewende voll in Fahrt ist. Und dass das die große Chance ist, wirklich auch für ein besseres Leben. Ein anderes und ein viel besseres Leben. Der Punkt ist nicht Verzicht, es geht sogar um Gewinn. Also das neue Leben, das jetzt kommt, das ist viel besser als das Leben, was wir jetzt haben. Da bin ich fest überzeugt. Das haben wir voll in der Hand. Es liegt nur an uns. Weil die Technik sind da, die Menschen müssen es nur verstehen. Es geht auch um Verhaltensänderung. Und ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Und ich bin irgendwie dann doch optimistisch. Das schaffen wir.
Anna Kratki: Andreas, vielen lieben Dank, dass du heute bei uns warst. Und danke, dass du eben für eine bessere Zukunft kämpfst. Kurz vor Schluss haben wir jetzt noch den oekostrom AG-Kurzschluss. Das bedeutet, ich stelle dir jetzt gleich fünf kurze Fragen. Einfach spontan beantworten. Ja. Bauchgefühl oder Excel-Tabelle?
Andreas Jäger: Bauch.
Anna Kratki: Obwohl du so viel mit Zahlen und Statistiken zu tun hast.
Andreas Jäger: Ich bin dann einer, der sofort den Bauch - und dann geht er aber zur Excel-Tabelle. Also ich kann das beides. Aber in Wirklichkeit machst du 99,97 Prozent der Entscheidungen aus dem Bauch.
Anna Kratki: Optimieren oder loslassen?
Andreas Jäger: Hängt davon ab. Ich würde sagen optimieren. Aber wir müssen auch dumme Verhaltensweisen loslassen. Also am Verbrenner kann man nicht mehr optimieren, den kann man nur in die Tonne treten.
Anna Kratki: Podcast oder Buch?
Andreas Jäger: Buch. Ich liebe Podcasts und ich finde das großartig. Auch der Podcast ist super. Aber am Ende, das Theater im Kopf, das Buch ist unschlagbar.
Anna Kratki: Leise denken oder laut diskutieren?
Andreas Jäger: Leise denken.
Anna Kratki: Warum?
Andreas Jäger: Weil ich viel zu viel laut diskutiere.
Anna Kratki: Und letzte Frage, E-Mail oder Anruf?
Andreas Jäger: Wenn es haarig wird, E-Mail und sonst Anruf. Also wenn man präzise sein muss, wenn es um etwas Heikles geht, dann verfass ich mal eine E-Mail zuerst. Ah, es ist schwierig. Nein, ich sage jetzt Anruf.
Anna Kratki: Sehr gut. Anruf ist eingeloggt. Andreas, noch einmal vielen lieben Dank, dass du heute bei Geladen warst. Und euch, Danke fürs Zuhören, fürs Einschalten. Wenn euch der Podcast gefallen hat, dann schickt es vielleicht Menschen weiter, die diesen Podcast auch sehen oder hören sollten. Und ansonsten wünsche ich euch noch einen wunderschönen Tag. Tschüss und bis zum nächsten Mal.
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